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Der Sekane

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Eingeordnet in: Gesellschaft, Politik

Die Institution des Sekane ist eine Idee aus meinem Science-Fiction-Universum. Der Sekane stellt eine Art von Schiedstelle dar, um Streitigkeiten zu klären. Im Unterschied zum menschlichen Rechtssystem hat der Sekane in den meisten Fällen keine Macht, um einen Entscheid zu vollstrecken. Im folgenden Text werde ich von den Rakaita wie von einer historischen Tatsache sprechen. Sie sind natürlich nur eine Fiktion, bzw. ein Denkmodell.

Die Sekane tauchen in der Entwicklungsgeschichte der Rakaita auf, genauer, der Stadt von Hakalinat. Die Rakaita selbst sind äusserst individualistische Wesen, die zu Beginn fast kein Konzept einer Gesellschaft oder eines Staates haben. Jedes Individuum schaut in erster Linie nach sich selbst, von gemeinsamer Kooperation abgesehen. Es gibt keine übergeordnete Moral, keine verselbstständigte Konvention und keine Autorität, etwa im Sinne eines Staates. Die typisch menschliche Vorstellung, dass es ein Naturrecht gäbe, ist aus sicht der Rakaita abstrus.

Das hat den Nachteil, dass die Rakaita in der Interaktion miteinander stets von Neuem beginnen, da sie nicht davon ausgehen können, dass ihr Gegenüber den gleichen Regeln folgt wie sie selbst - und sie diese Regeln auch nicht einfordern können, weil es ja keine Gesellschaft gibt. Mit fortschreitender Entwicklung entstehen aber "Interaktionsstandards": zwei Parteien kennen die Regeln, nach denen andere Parteien einen Vertrag geschlossen haben, und schliessen ihn nach den gleichen Regeln. Aber auch Regeln können interpretiert, gebogen und gebrochen werden. Wenn Sakasil aus Hakalinat 10 Schiffsladungen Kohle bei Sudakami aus Sakkadim bestellt hat, Sudamal aber jetzt anstelle des erwarteten Anthrazit Braunkohle oder anstelle von 10 Schiffen 10 Boote voll liefert, haben Sakasil und Sudakami ein Problem. Nehmen wir an, dass Sakasil und Sudakami in Zukunft noch Geschäfte tätigen wollen, müssen sie zu einer Lösung kommen. Andererseits, wenn Sudakami sowieso schon reich genug ist und sich lediglich nur ein bisschen weiter bereichern wollte, kümmert es ihn vielleicht von vorneherein nicht. Dass Sakasil überall rumerzählt, er sei ein Betrüger, ist ihm dann aber egal. Wenn Sudakami aber recht hatte, Sakasil ihn aber fälschlich diffamiert (vielleicht einfach nur, weil Sakasil über die Maßen blöd ist) ist sein Ruf beschädigt.

An dieser Stelle kann man sich Rat bei jemandem holen, von dem der Interaktionsstandard schon erfolgreich angewandt wurde: wie gross sind eigentlich 10 Schiffe? Müssen sie gehäuft gefüllt werden? Und welche Kohlesorte? Da Rakaita einen strukturierten, logischen Verstand haben, beschäftigen sie sich mit Freude mit solchen Fragen (bösen Zungen zufolge haben sie die Sprache nur entwickelt, um miteinander disputieren zu können).
Aus der Tradition entwickeln sich schliesslich die Sekane, die nichts anderes mehr tun, als allgemeine Vertragsverhältnisse zu entwickeln und zu interpretieren. Der Sekane hat zwar meist keine Macht - weder kann er Sakasil zwingen zu bezahlen oder Sudakami zu liefern. Doch er hat einen Ruf und dadurch eine gewisse Autorität. Wenn Sudakami erwiesenermaßen versucht hat, Sakasil über das schuppige Ohr zu hauen, dann hat Sakasil das immerhin schwarz auf weiss. Wenn man jedoch nicht vom schlimmsten ausgeht, so haben Sakasil und Sudakami einfach nur einen Disput, den sie gelöst haben wollen, ohne dass einer der beiden Gesicht und Ansehen verliert. Diese Dienstleistung lässt sich der Sekane bezahlen.

Aus den einzelnen Sekane entwickeln sich Organisationen (matra sekane). Ihnen haftet mit der Zeit ein Ruf an, dass beispielsweise Kasharak von Hakalinat die Tendenz hat, eher zugunsten des Lieferanten zu urteilen. Käufer werden sich also nur zögerlich auf Verträge auf der Grundlage von Kasharak einlassen. Was die Sekane reguliert: werden sie zu einseitig, verlieren die "Kunden" das Vertrauen und nutzen sie nicht mehr.

Verträge der Rakaita beginnen üblicherweise mit einer Absichtserklärung, in denen beide Parteien ihre Motivationen darlegen (eine Tradition, die aus der Philosophie des Haturatismus heraus entstanden ist). Was folgt, ist der Vertragsgegenstand und die Hinweise auf die zugrundeliegenden Standards.
Ein grosser Teil des Vertragstextes - Maße und Gewichte, Lieferbedingungen, Qualität, Haftung, Vertragsstrafen, usw. usf. ist ausgelagert. Dies hält den eigentlichen Vertrag kurz.

Wann immer ich ein riesiges End User Licence Agreement oder titanische AGB vor mir habe, stöhne ich auf und wünsche mir einen Sekane herbei. In der heutigen Zeit bin ich zu suspekt geworden, um sie einfach wegzuklicken. Aber viele Sachen sind gleich: Beispielsweise weisen diverse EULAs darauf hin, dass die Software "nicht geeignet für den Betrieb oder die Wartung von lebenserhaltenden Systemen, nukleartechnischen Anlagen, der Flugzeugnavigation" usw usf geeignet ist. Irgendwo in einem fünfseitigen Wust steht dann noch, dass mein erstgeborenes Kind Eigentum der Softwarefirma wird. Mit Verweis auf einen Sekane könnte ein solches EULA wesentlich kürzer ausfallen.

In Ansätzen gibt es das Sekane-Prinzip auf der Erde, beispielsweise die Open Source-Lizenzen. Da ich die GPL mittlerweile kenne, muss ich die GPL nicht jedes Mal lesen, sobald ich sehe, dass eine Software unter GPL fällt.
Zertifizierungsstellen wie z. B. der Blaue Engel ähneln auch den Sekane. Eine SSL-Zertifikatsautorität ebenfalls; sie sogar am meisten. Da weite Bereiche des von Hasvativa besiedelten Raumes effektiv ohne staatliche Gewalt im Sinne eines hoheitlich-souverän handelnden Staates waren, stellten spezialisierte matra sekane Identifikationsdokumente aus.
Am Rand sollte angemerkt werden, dass die Rakaita so gut wie kein Geistiges Eigentum kannten: es war in ihrem System nicht durchsetzbar.

Der grosse Unterschied zwischen Rakaita und Menschen allgemein ist, dass menschliche Kulturen auf Autorität gegründet sind, die Kultur der Rakaita hingegen auf Mißtrauen und Vertrauen. Verstösse gegen die GPL können vor Gericht landen, dessen Richter die Bedingungen GPL mit notfalls staatlicher Gewalt durchsetzen lassen kann. Dieser Weg steht den Rakaita selten offen. Da sie aber zumeist Vertragspartner staatenähnlicher Organisationen sind, den Grosskooperativen, können sie zumindest exiliert werden, sofern sie gegen die Regeln der Kooperative verstossen. Wenn man dann noch an bestimmten Stellen Geld und eine Auftragsbeschreibung hinterlässt, wird ein freundlicher Mitarbeiter der Verdeckten Kooperative die Angelegenheit nachhaltiger regeln.

Die Psyche der Menschen hingegen erfordet es in den meisten Fällen, dass ihre Vorstellung von Gerechtigkeit und Ordnung durchgesetzt wird, am besten mit der Waffe in der Hand.

Dieser Text ist Teil der Serie Ideen aus dem Telton-Universum

Der Sekane

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