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Mystik und "christliche Mystik"

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Eingeordnet in: Religion und Philosophie

Gestern habe ich einen Vortrag / Workshop über Mystik besucht, der von dem Pfarrer einer christlichen Gemeinde gehalten wurde. Da ich mich selbst als "mystisch veranlagt" bezeichnen würde, hat mich interessiert, wie man sich dort wohl diesem etwas flüchtigen Begriff nähern würde.

Es war eine katholische Gemeinde. Der katholischen Kirche billige ich von den christlichen Religionsrichtungen noch den grössten mystischen Gehalt, den besten Kontext für mystisches Erleben zu; dazu muss aber gesagt werden, dass das Christentum an sich schon eine Religion der Dogmatik ist, in der jedwede mystische Tendenz letzlich argwöhnisch betrachtet wird. Das mystische Erleben, das aus meiner Sicht immer ein individuelles und letzlich ungreifbares erleben ist, steht dem festgelegten und als universell gültig anzusehendem Dogma gegenüber. In der katholischen Messe kann ich also die geduldeten Überreste einer Mystik erleben, wohingegen der Protestantismus mit seiner Konzentration auf die Schrift jegliche Mystik verbannt und zunichte gemacht hat.

Ein Christ ist in seinem mystischen Erleben letzlich immer durch das Dogma eingeschränkt; denn schon in der Fragestellung, nämlich, dass er Gott suchen und erleben möchte, wird eine dogmatische Einschränkung vorgenommen. Das was er dann erlebt, wird wohl "Gott" heissen, weil er danach gesucht hat.

Der Pfarrer meinte in seinem Vortrag, dass der Mensch "unzerstörbar religiös" wäre. Dies ist nachvollziehbar, denn christliche Lehre verkündet, dass alle Menschen seit dem Sündenfall von Gott getrennt seien und seither auf der Suche nach dem Urzustand seien. Daher führt der Weg zum mystischen Erleben über die Religion.

Falsch. Wenn überhaupt, ist der Mensch unzerstörbar mystisch. Die Mystik war schon lange da, bevor die Religion überhaupt existiert hat. Wenn ich 1000 Jahre zurückgehe, finde ich die heutigen Weltreligionen. Zweitausend Jahre früher, und sowohl der Islam als auch das Christentum sind verschwunden. Und vor 10.000 Jahren? 50.000?
Die Anhänger heutiger Weltreligionen müssen, sofern sie sich die Realität nicht zurechtbiegen, anerkennen, dass die Geschichte ihrer Religion nur einen Bruchteil der gesamten Menschheitsgeschichte ausmacht.

Die Mystik war also aller Wahrscheinlichkeit nach lange vor den heutigen Religionen da. Eine Religion in unserem Sinne ist ein Gebäude aus Regeln und Aussagen über die Natur der Realität. Vor allem hinsichtlich auf letzteres ist eine Religion fast schon als eine Form des wissenschaftlichen Denkens anzusehen: der Mensch erklärt das ihm Unbekannte, wenngleich auch nicht mit wissenschaftlichen Methoden.
Unstrittig ist, dass Religionen erlernt und vermittelt werden müssen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein isolierter Mensch von sich aus das Gedankengebäude der katholischen Kirche neu entwickelt. Er muss es erlernen. Diese Aussagen über die Natur der Realität hält der Gläubige dann für wahr, wie er sie dann z. B. im Glaubensbekenntnis aufsagt, und wenn er wirklich glaubt, auch erwartet.

Das, was ich als "mystisches Erleben" bezeichne, entzieht sich der rationalen Beschreibung. Dabei gehe ich sogar soweit, die religiös-spirituelle Konnotation der Mystik selbst in Frage zu stellen. Zum Leidwesen mancher Menschen, die gerne vom spirituellen, heiligen, geistlichen reden, halte ich es komplett für möglich, dass jenes Erleben, dass ich das mystische nenne, rein materiell durch fehlgeleitete Neuronen eines überarbeiteten Systemadministrators zu erklären sind. Die Herkunft und die Natur des mystischen Erlebens kümmern mich nicht (mehr), einzig relevant ist das Erleben selbst.

Wie gesagt, ich denke, dass die Mystik am Anfang stand, damals, als von der Heiligen Kirche und dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis noch lange nicht die Rede war. Die Welt ist damals zwangsläufig mystisch, bzw. mysteriös gewesen.
Religion ist, wie gesagt, bereits der Versuch, die Welt zu erklären. Religion bietet bereits Fragen: Gott lässt die Pflanzen wachsen, Gott lässt es regnen, Gott hat die Sterne an das Firmament gesetzt. Heutzutage sind die Antworten detaillierter und wahrheitsgemässer geworden. Mystik ist jedoch die Anerkenntnis, dass, wenngleich die Antworten besser geworden sind und die Welt überschaubarer ist, sie im Grunde immer noch mysteriös geblieben ist. Auf die Frage "wieso wächst da eine Pflanze?" gibt es am Ende eben doch keine Antwort.

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