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Ismael (Daniel Quinn)

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Eingeordnet in: Weltsicht

Bin heute auf ein Buch namens "Ismael" von Daniel Quinn aufmerksam geworden. Das Buch stellt einen "sokratischen Dialog" (das schreiben die Rezensenten, ich denke mir sowas nicht aus!) zwischen einem Gorilla und einem Menschen dar. Der Gorilla teilt die Menschheit in "Leavers" (Naturvölker) und "Takers" (unsereins) auf und verortet den Sündenfall der Menschheit in der Agrarischen Revolution, sprich dem Übergang des Menschen von der Jäger/Sammler-Kultur zu einer sesshaften, ackerbau betreibenden Kultur. Letztere ermöglichte eine stabilere, grössere Nahrungsmittelproduktion und sorgt seither für ein stetiges Anwachsen der Menschheitsbevölkerung. Natürlich hat diese Entwicklung auch viele Schattenseiten. Zum einen der Mensch gegen den Menschen, denn erst ausgehend von Ackerbau und Städten sind Nationen denkbar, die Heere aufstellen und im grossen Stil Kriege führen - um Rohstoffe. Primitive Gesellschaften führen zwar auch Kämpfe, aber nicht in einem Ausmaß, dass sie 20.000 Menschen an einem Tag in das MG-Feuer rennen lassen oder eine Vernichtungsmaschinerie gleich der des Holocaustes aufbauen könnten.
Zum anderen, so die These, hat der Mensch das Gleichgewicht mit der Natur verlassen. Tag für Tag rotten wir Spezies aus und betrachten die Welt hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt dessen, was uns nutzt und schadet. In Europa sind so gut wie keine nennenswerten Raubtiere mehr zu finden, da wir sie als Beutekonkurrenten allesamt ausgerottet haben. Und was nicht von uns direkt getötet wurde, findet in unseren Kulturlandschaften, mit denen wir weite Teile des Planeten überzogen haben, keinen Lebensraum und keine Nahrung.

Auf den ersten Blick einleuchtend. Allerdings ist die Weltsicht von Quinn in meinen Augen naiv und legt eine romantisch-verklärte Betrachtung der Natur und der Urvölker zugrunde.

Zum einen postuliert Quinn, wie viele andere, ähnlich gelagerte Theoretiker auch, ein sogenanntes "natürliches Gleichgewicht", gegen das der Mensch - zumindest der Zivilisationsmensch - kontinuierlich verstosse. Es ist ein Mem, dass sich in vielen Zusammenhängen wiederfindet - man denke nur an die Rede von Agent Smith, der sich über die Menschheit als Krankheit beklagt, unfähig im natürlichen Gleichgewicht zu leben.
Es erinnert mich an eine andere Begebenheit. Freunde und ich spielten Risiko. Dummerweise hatten wir irgendwann alle unsere Aufträge herausgefunden und es begann die "Diplomatie": sobald ein Spieler zu stark wurde, verbündeten sich die anderen gegen ihn. Spät in der Nacht gaben wir das Spiel auf, das kaum mehr zu beenden war. Befand sich das Spiel im Gleichgewicht? Von aussen betrachtet, ja. Haben wir Spieler nach Gleichgewicht gestrebt? Nein, jeder war bestrebt, das Spiel für sich zu entscheiden. Da wir aber alle letzlich ähnlich stark waren, war keine Entscheidung herbeizuführen.
Angenommen, es hätte einen Kniff in den Regeln gegeben, der mir in Folge doppelt oder dreimal soviele Armeen zugeteilt hätte - ich hätte das Spiel für mich entschieden. Und dies ist geschehen, als der Mensch auf den Plan trat. Seine Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen neu anzupassen, und durch Nachdenken eine Lösung zu finden, die eben nicht Jahrmillionen von Try & Error der biologischen Evolution benötigt, hat diese Spezies mit einem "Regelkniff" ausgestattet, der seither einen beispiellosen - wenn auch grausamen - Siegeszug ermöglicht hat. Dies ist noch nicht einmal ohne Präzedenz in der Evolution, wenn man betrachtet, dass Arten auch abseits grosser Katastrophen ausgestorben sind, weil sie mit der Zeit von erfolgreicheren Arten verdrängt worden sind. Ginkgo Biloba hat dereinst quasi den gesamten Planeten als einziger Baum bewuchert, und wurde von den heute lebenden Bäumen in eine Nische verdrängt.

Weiters hat Quinn eine verklärte Sicht der Naturvölker und Nomaden, die angeblich nur das nehmen, was sie brauchen. Es gibt die berühmte Geschichte von den 20.000 Antilopen, die von unseren jagend/sammelnden Vorfahren von einer Klippe in den Tod gestürzt worden sind. Es fällt mir schwer zu glauben, dass dieses Naturvolk 20.000 tote Tiere benötigt hat. Letzlich wurden sie ob ihrer begrenzten Möglichkeiten und des Hungers zu solch drastischen Maßnahmen gezwungen. In Summe bietet die fortschreitende Zivilisierung des Menschen sogar Chancen für die Natur: wir sind immer weniger davon abhängig, uns von der Natur selbst zu bedienen, und wenn wir es tun, dann tun wir es effektiver. Im Mittelalter haben Glashütten den Schwarzwald grossflächig gerodet, da diese Glashütten einen enormen Holzbedarf hatten - nicht nur dass sie den Brennstoff benötigten, sondern auch grosse Mengen an Pottasche, die sie anders nicht zu gewinnen wussten. Der Fortschritt ermöglicht es uns, mit der gleichen Energiemenge ungleich mehr Glas zu erzeugen.

Bleibt auch die Frage nach der Alternative. Denn es gibt ohnehin keine. Wir können die Zivilisation nicht aufgeben, es wäre das Ende der Mehrheit der Menschheit. Nicht wenige Ökologen werden jetzt sagen, dass wir das ohnehin verdienen, aber inwiefern verdienen wir den Tod mehr als andere Spezies? Das System "Natur" war von vorneherein auf Auslese, Tod und Leid begründet, wir haben es uns nicht ausgesucht. Die Vorfahren des Menschen waren einst nur eine Tierart von vielen, die auf die stetigen Fragen der Auslese eben eine neue, besondere Antwort, Intelligenz, gefunden hat. Wenn man dem Menschen das Lebensrecht absprechen möchte - eine Kategorie, in der ohnehin, welch Ironie!, nur ein Mensch denken kann, so muss man theoretisch auch Ginkgo Biloba zuvor zu seinem Recht verhelfen. Und was brächte es? Ohne Zivilisation fiele schnell auch die Begründung für diese Entscheidung dem Vergessen anheim und die Zivilisation entstünde womöglich einfach erneut. Und selbst wenn sie es nicht täte, oder wenn der Mensch sich direkt selbst umbrächte, dann kommt eben die nächste Eiszeit, Warmzeit, Supervulkan, Meteoriteneinschlag, Methanausgasung oder ein direkt auf die Erde gerichteter Gamma Ray Burst und fegt die Spezies, zugunsten derer wir uns getötet haben, vom Angesicht des Planeten.

Also gibt es keine Alternative. Wir sind im Grunde verdammt dazu, weiter voranzuschreiten und zu sehen, welche Zukunft uns beschieden ist (oder wir uns bescheiden). Und vielleicht stellt es für die Moralisten unter uns eine tröstende Erkenntnis dar, dass wir zwar das einzige Tier sind, dass aus Freude und Spass, Macht- und Geldgier töten und zerstören kann, aber eben auch das einzige Wesen, dass in der Lage ist, über sein Handeln zu reflektieren, zu vermeiden und Mitgefühl zu empfinden.

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Ismaels Geheimnis
Calliope24.07.2012 17:46:39
Hallo ihr alle
Ich mache aus Ismaels Geheimnis ein Hörbuch, damit das Buch wieder verbreitet wird.
Wenn ihr Interesse daran habt, schaut euch folgende Seite an:
http://www.100-days.net/de/projekt/ismaels-geheimnis
Argumente?
Marasek01.06.2010 20:56:10
Ich begrüsse eure Kommentare, vermisse aber, dass ihr konkret meine Argumente auf- und angreift. Einfach nur zu sagen, ich habe den Inhalt nicht verstanden, ist etwas wenig.
/
Jens01.06.2010 11:13:58
Ich denke auch, dass dieser Text eine sehr oberflächliche Betrachtung des Romans offenbart
und dazu sehr dünne Argumenationen aufweist.

z.B. der Schlusssatz zeigt das deutlich:

Das Töten aus niederen Beweggründen wird vielleicht erst durch die "Intelligenz" des Menschen möglich, aber die Fähigkeit des erweiterten Denkens den durch den Menschen verursachten Veränderungen als "aber" entgegenzusetzen, zeigt, dass hier der behandelte Text nicht verstanden wurde und, was damit zusammenhängt, fast ausschließlich die meiner Meinung nach äußerst "naive" sowie bequeme Sichtweise des Autors deutlich wird.
Nicht verstanden
Galapagos19.10.2009 16:25:45
Wer so argumentiert hat die Botschaft des Buches absolut nicht verstanden. Wir sind nicht verdammt dazu die Welt zu vernichten, wenn wir uns endlich mal bemühen würden eine Alternative überhaupt zu suchen. Und wir wären nicht die erste Zivilisation, die eine Lebensweise aufgibt um eine Bessere zu finden.
Ismaels Geheimnis
oskopia12.08.2009 09:10:23
"Ismaels Geheimnis" könnte die Auflösung bieten. Ich habe "Ismael" nicht gelesen, doch bei "Ismaels Geheimnis" kam kein moralischer Eindruck zustande und auch keine hoffnungslose Endzeitstimmung auf.

Die Lösung, die ich daraus mitgenommen habe, ist, Überfluß zu erwarten, zu schaffen und im Überfluß zu leben. Überfluß an den Umständen, die unbegrenzt im Überfluß erzeugbar sind, ohne Raubbau zu treiben.

So ab der Mitte habe ich mir die Informationen über den Autor angesehen. Ja, es ist ein christliches Buch.