Die Flagge des Marasek

Dekostreifen

English

Aktuell Texte Der Comic Impressum Kalender Suche PHP-Klassen Container-Wizard main.s21

Kategorien

Buch
Computer
Computerspiele
Film
Geschichte
Gesellschaft
Idee
Kunst
Natur
Persönlich
Politik
Programmieren
Religion & Philosophie
Weblog
Weltpolitik
Weltsicht
{{login}}

Informatiker und Jura

Permalink
Vorheriger: Bayer interpolation with imagemagickNächster: 999.99 $
Eingeordnet in: Weblog

Wenn im heise-Newsticker mal wieder über ein Gerichtsurteil oder Gesetz berichtet wird, dass im entferntesten mit Informatik zu tun hat, gibt es üblicherweise zwei Arten von Reaktionen im Forum: "wie üblich keine Ahnung" oder "endlich hat jemand mal ein Einsehen". Und in den meisten Fällen strotzen diese Reaktionen von einer hanebüchenen Unkenntnis, eine Unkenntnis, die umso erstaunlicher ist, da gewöhnliche ITler dazu neigen, alles unter einem Linux-Kernelprogrammierer als "niedere Lebensform" anzusehen.

Um so absurder erscheint es dann, dass Informatiker regelmässig Juristen Kenntnis und Unkenntnis in technischen Fragen zu- bzw. absprechen, sie selber, um es plakativ zu sagen, im juristischen Bereich noch nicht einmal eine Maus von einer Tastatur unterscheiden könnten. Bereits die Unterscheidung in Strafrecht und Zivilrecht stellt für viele eine Überforderung dar, von Feinheiten wie "Kommentaren" oder "Mitstörerhaftung" ganz zu schweigen.
In ihrer Not verweisen einige dann selbstsicher auf die Kommentare von Hausjustiziar. Allerdings bedenken sie dabei nicht, dass es unter Juristen verschiedene legitime Sichtweisen gibt - zu meinen Unizeiten habe ich gelernt, dass man eine Meinung als "richtig" vertreten kann, solange noch ein Professor der Rechtswissenschaft lebt, der sie ebenfalls vertritt. Dies dürfte einem Informatiker fremd sein; ein bestimmter Algorithmus wird nicht besser, nur weil ein beliebiger Professor noch lebt und diesen lehrt.
Hinzu kommt, dass es in der Rechtswissenschaft - ebenso wie in der Informatik - Fachgebiete und mithin Spezialisierungen gibt. Wenn sich ein Hausjustiziar zu einem neuen Gesetz äussert und über seine Anwendung spekuliert Strafrecht), muss das doch etwas kritisch betrachtet werden - schließlich würde man mir auch nicht zubilligen, dass ich mich kompetent zur Speicherverwaltung auf 64bittigen Architekturen äussere.

Völlig falsch verstanden wird üblicherweise die "Funktionsweise" von Gesetzen: als Informatiker ist man gewöhnt, einer Maschine Anweisungen zu geben, die dann vorhersehbar ausgeführt werden, sofern die Anweisungen korrekt sind und die Maschine richtig arbeitet. Technische Spezifikationen wie RFCs sollten genau eingehalten werden, aber auch hier zeigt sich bereits, dass Implementationen bestimmter RFCs in Teilbereichen unterschiedliche Verhaltensweisen zeigen.
Gesetze hingegen sind weder als Quellcode noch RFCs anzusehen. Der häufig geäusserte Kritikpunkt an Gesetzen, sie seien zu schwammig, läuft in vielen Fällen ins Leere. Denn ein Gesetz ist nur teilweise eine Grundlage, auf der ein Richter entscheiden kann. Hinzu kommen Kommentare und die "stehende Rechtsprechung". Ein Richter entscheidet letzlich nicht als willenlose Maschine, sondern auch im Kontext des Falls und im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Zuguterletzt bleibt eine Hybris über die fachliche Unkenntnis hinaus, und zwar die der Stellung in der Geschichte. Informatiker sollten sich gelegentlich vor Augen halten, dass ihre Disziplin gerade mal ein halbes Jahrhundert alt ist, während die Rechtswissenschaft bereits vor Jahrtausenden dafür gesorgt hat, dass Menschen einigermaßen friedlich zusammenleben können. Schon alleine von dem her sollte jeder Informatiker doch etwas mehr Respekt vor dieser Institution mitbringen.

Kommentieren

Bitte beachten: Kommentare sind nicht sofort sichtbar, sondern werden erst nach einer kurzen Prüfung freigegeben, sofern keine rechtliche Beanstandung vorliegt.
Rechtlich bedenkliche Inhalte werden entweder entschärft oder nicht veröffentlicht.

* Titel  
* Nickname  
* Kommentar