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Grösse fordert heraus

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Grösse und Wachstum sind eine Herausforderung, an der ich schon diverse Gruppen - vor allem im Internet, aber auch im normalen Leben - habe scheitern sehen. Wenn eine kleine, informelle Gemeinschaft wächst und wächst, muss sie sich an die neuen Begebenheiten anpassen, die der Übergang von einer kleinen, homogenen Gruppe zu einer grossen, unüberschaubareren Menschenansammlung mit sich bringt.
Das Problem ist, dass viele Gruppen nicht wahrnehmen wollen oder können, dass das Wachstum neue Probleme mit sich bringt und folglich auch keine Strategie haben, ihnen zu begegnen. Wachstum wird als etwas positives gesehen, ohne die negativen Folgen zu bedenken.

Es gibt einige wesentliche Unterschiede zwischen grossen und kleinen Gruppen. Zunächst wird sich die Bandbreite der vorhandenen Charaktere erhöhen. Eine Gruppe von vier Freunden wird sich zusammengefunden haben, weil sie alle irgendwie gut miteinander auskommen; vermutlich, weil sie gewisse Gemeinsamkeiten haben. Bei steigender Grösse werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern immer erheblicher. Es ist viel wahrscheinlicher, mit vollkommen andersartigen Ansichten konfrontiert zu werden und auf Menschen zu treffen, die einem in vielem fremd bleiben werden. Weiters steigt die Wahrscheinlichkeit, dass echte Problemfälle auftreten, etwa Menschen mit betrügerischen Absichten, einem Alkoholproblem oder einer psychischen Erkrankung.

Die Kunst des Wachsens liegt in zwei auf den ersten Blick gegensätzlichen Ansätzen begründet: verschärfte Regelungen und laissez-faire. Das Problem ist zu erkennen, wo man verstärkt regeln muss und wo laissez-faire angesagt ist.

In einer kleinen Gruppe existieren so gut wie keine festen Regeln. Das heisst aber nicht, dass jeder tun und lassen kann, was er will - Kleingruppen sind meiner Erfahrung nach oft sehr viel strenger. Nehmen wir an, wir haben eine Kleingruppe von vier Freunden, die sich regelmässig zu einem Spieleabend treffen. Sie haben sich im Soziologiestudium kennengelernt und sind tendenziell eher linksalternativ. Einer ist Vegan, zwei sind Vegetarier, und einer von ihnen raucht. Es wird vermutlich so sein, dass sie keine fleischhaltigen Gerichte für ihren Spieleabend kochen, der Raucher draussen raucht und niemand die Politik der CDU/CSU befürwortet. Nehmen wir an, der Fleischesser schert aus: er bringt sich des öfteren Buletten mit, beginnt, über die Sozialbetrüger herzuziehen und fordert mehr und mehr ein hartes Durchgreifen im Strafrecht. Es ist wahrscheinlich, dass die Gruppe zerfallen wird bzw. bald einen Mitspielerwechsel hat. Als neuen Mitspieler wird man aber sicherlich nicht die Studentin fragen, die durch ihre Magersucht auffällt, oder den gegelten Gasthörer aus der BWL-Fakultät, sondern wieder jemand passendes. Es gibt keine Regeln, aber Abweichungen werden meist schnell beseitigt oder gar nicht erst zugelassen.

Wird aus dieser Kerngruppe der "Spieleverein Stuttgart e. V.", ändert sich die Situation grundlegend. Kaum jemand wird "nur linksalternativ eingestellte Soziologiestudenten (bevorzugt Vegetarier+Nichtraucher)" in die Vereinssatzung schreiben. Folglich können auch alle möglichen Menschen auftauchen. Und "da draussen" gibt es nun mal Alkoholiker, psychisch Kranke, Betrüger und ähnliches. Ein schwieriger Mensch kann nun eine ganze Gruppe auf Trab halten und beschäftigen. Besonders problematisch ist es, wenn sich an einem Problemfall Fraktionen entwickeln oder sich andere Mitglieder verleiten lassen, ekliges Verhalten an den Tag zu legen. Es ist notwendig, dass sich eine professionelle Gruppe mit der Frage auseinandersetzt, wie man mit bestimmten Problemfällen umgeht. Dazu benötigt man Regeln, die dann konsequent angewendet werden müssen.
An dieser Stelle werden gerne diverse Kardinalfehler gemacht:

  • es gibt keine Regel; ihr Fehlen wird durch ein "Machtwort" verantwortlicher Kreise substituiert. Sehr schlecht, da nun ein Teil der Mitglieder anfangen wird, Machtmissbrauch zu bemängeln und sich einige die Frage stellen, ob ein Machtwort auch sie treffen könnte.
  • eine Regel existiert, wird aber inkonsequent angewendet. Eine schlimme Möglichkeit ist es, die Regel selektiv auf bestimmte Personen anzuwenden und auf andere nicht. Oder die Anwendung wird verschleppt.
  • Hinter der Regel wird nicht einheitlich gestanden. Es ist legitim, dass einzelne Mitglieder eine abweichende Meinung haben, auch ausführende Mitglieder, es ist jedoch schlecht, wenn man dann ewig breit tritt, wie man es anders gehandhabt hätte und und und.

Auf der anderen Seite muss ab einer gewissen Grösse klar sein, dass man bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr regeln kann. Ich muss mich in meinem privaten Freundeskreis mit niemandem befassen, der aus meiner Sicht abstruse politische Vorstellungen hat. Im Spieleverein werde ich das wohl akzeptieren müssen. Es wird dort Leute geben, die mir von ihrem Auftreten her gar nicht in den Kram passen, und vielleicht kann ich ganz "objektive" Gründe dafür finden ("Der hat keine Manieren! Arsch! Grosskotz!"), aber da heisst es wohl: leben und leben lassen. Es liegt dann in meiner Verantwortung, demjenigen auszuweichen. Der Kardinalfehler an dieser Stelle liegt dann darin, wenn ich Autoritäten dazu bringen möchte, mir mein persönliches Problem aus dem Weg zu schaffen. Oder eine Anhängerschar der X-Feinde um mich herum versammle.

Gruppen, die nicht richtig auf Wachstum reagieren, sind dazu verurteilt, sich immer und immer wieder in den gleichen Streitereien zu zerfetzen und werden daher nie eine gewisse Grössenschwelle überschreiten können.

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