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Die Schmerzwaffe

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Eingeordnet in: Gesellschaft, Politik

Es gibt von Zeit zu Zeit Entwicklungen, die eine radikale, bahnbrechende Neuerung in dem Sinne sind, dass sie eine ganze Ära prägen. Auf dem Gebiet der Waffentechnik war es beispielsweise das Schiesspulver, dass den Ritterheeren und schliesslich der feudalistischen Ordnung ein Ende setzte. Im 20. Jahrhundert wird es schwieriger, eine einzelne herausstehende Technik zu identifizieren, da die Menschheit besonders kreativ war und U-Boote, Flugzeuge, vollautomatische Waffen und Panzer ins Feld geführt hat. Über allem dräut jedoch sicherlich die pilzförmige Wolke der Atombombe, die als primär strategische Abschreckungswaffe nicht so sehr die Kriegsführung, als auch die Politik revolutioniert hat. Der Krieg als "Fortführung der Diplomatie mit anderen Mitteln" war angesichts des mehrfachen Vernichtungspotentials keine gangbare Möglichkeit mehr, ist seither der Dritte Weltkrieg doch ein Synonym mit für das Ende der Geschichte geworden.

Ich vermute in nicht-lethalen Schmerzwaffen wie dem auf Mikrowellen basierenden Sheriff der Firma Raytheon (näheres dazu auf Telepolis ein ähnliches Potential, auch wenn sie weitaus weniger gefährlich ist als die Atombombe.
Das Wirkprinzip ist schnell erklärt: der Sheriff sendet Mikrowellen aus, die in den oberen Gewebeschichten des Menschen unerträglichen Schmerz produzieren sollen. Angegeben ist eine 8 auf einer von 0 bis 10 reichenden Skala des Schmerzempfindens. Es sollen keine bleibenden Schäden resultieren, nur eine innerhalb von Minuten abklingende Reizung des Gewebes.

Bislang stehen Ordnungskräften nur relativ gewalttätige oder zeitaufwendige Mittel zur Verfügung. Einige Szenarien:

  • Demonstranten haben eine Polizeisperre durchbrochen und sind in eine Bannmeile eingedrungen. Es werden Schlagstöcke und Wasserwerfern eingesetzt. Das Ergebnis sind langwierige und personalintensive Strassenschlachten mit der Polizei.
  • Demonstranten veranstalten eine Sitzblockade vor einem Zwischenlager für Atommüll. Die Polizei muss die sich wehrenden Demonstranten zeitraubend wegtragen, der Einsatz von Gewalt würde zu schlechter Presse führen.
  • Eine aufgebrachte Menge demonstriert vor der Botschaft der USA. In die Menge haben sich bewaffnete Kräfte gemischt, die das Feuer eröffnen. Die Marines erwidern das Feuer. Auf Grund der zivilen Opfer wird das Ansehen der USA weiter beschädigt.

Hinzu kommt, dass Gummigeschosse und Knüppel Schäden anrichten können, die sich als volkswirtschaftlicher Schaden niederschlagen. Sollten deutsche Polizisten etwa Gummigeschosse gegen Demonstranten einsetzen und einem Demonstranten (oder auch einer unbeteiligten Person) ein Auge ausschiessen, so entsteht daraus ein volkswirtschaftlicher Schaden, der sich in Arbeitsausfall, Berufsunfähigkeit und Behandlungskosten niederschlägt.

Der People Zapper ist eine elegante Lösung für all diese Probleme. Zugleich bedeutet er aber auch das Ende aller Protestformen, die nicht im Sinne des Staates sind, da die Schmerzwaffe eine effektive Lösung ist, diese zu beenden. Drastisch gesagt, könnte mit dem Sheriff jeder Castor-Transport nahezu ungehindert sein Ziel erreichen, da die Polizei mit Hilfe mehrerer Zapper jede Blockade aufheben kann. Der Zapper ist so gesehen nicht nur eine taktische, sondern auch eine strategische Waffe; sobald die Auswirkungen hinreichend bekannt sind, sollte alleine der Anblick der Reflektorschüssel genügen, um Demonstrationen auf das von der Staatsgewalt gewünschte Maß zu begrenzen.
In einem weiteren Schritt ist die Staatsgewalt nun befähigt, jeden Massenauflauf zu kontrollieren, ohne darauf auf scharfe Waffen zurückgreifen zu müssen. Hat sich die DDR-Führung dagegen entschieden, 1989 die Bürgerbewegung zusammenschiessen zu lassen, hätte sie vielleicht gegen den Einsatz des Zappers weniger Bedenken gehabt.

Eine weitere, in dem verlinkten Artikel nicht behandelte Einsatzmöglichkeit ist Folter. Eine miniaturisierte Version wäre perfekt zum Foltern geeignet:

  • es erzeugt unerträgliche Schmerzen
  • es hinterlässt keine Spuren
  • es werden keine aufwändigen Vorrichtungen oder "geschultes Personal" benötigt, wie bei z. B. "Waterboarding"
    Eine Folter mit einem Mini-Sheriff dürfte schwer nachzuweisen sein und daher exakt in das Portfolio von gewissen westlichen Diensten passen, die Folter ohne bleibende Schäden nicht als solche bezeichnet.
    Gelänge es beispielsweise, das Gerät auf etwa die Grösse einer schweren Taschenlampe bei einer Reichweite von 5 Metern zu reduzieren, hätte man das perfekte Mittel, um Verhöre direkt an Ort und Stelle durchzuführen. Oder beispielsweise Gefangene nachts daran zu erinnern, dass man noch etwas von ihnen hören möchte.

Die Existenz dieser (und anderer Schmerzwaffen) wird das Verhältnis zwischen Staat und Bürger neu definieren. Der Staat kann nun jede missliebige Protestform unterbinden, ohne gleich - man verzeihe mir die kalte Sichtweise - seine eigene Substanz zusammenschiessen zu müssen. Die schiere Existenz wird bereits im Vorfeld Auswirkungen haben, da bestimmte Protestformen gar nicht mehr in Erwägung gezogen werden. Denkbar ist aber auch, dass Staaten bewusst auf die Anschaffung und den Einsatz dieser Waffe verzichten, um sich abzugrenzen.
Als Folterwerkzeug wird sie vermutlich die Hemmschwelle, Folter einzusetzen, weiter herabsinken lassen und die Konturen zwischen Folter und Nichtfolter verschwimmen lassen.

Insofern also tatsächlich ein Werkzeug, dass geeignet ist, mehrere Paradigmenwechsel einzuleiten.

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