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Die laute Antwort

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Eingeordnet in: Gesellschaft, Politik

In der Debatte um die Online-Durchsuchung und andere Vorschläge des Innenministers erkenne ich weniger eine grossangelegte Verschwörung gegen unsere Demokratie, sondern schlichtweg typische Ausprägungen hierarchischer Systeme. Ich zweifle daran, dass Schäuble & Co überhaupt die Thematik "Online-Durchsuchung" durchstiegen haben, denn ansonsten hätten sie sich vermutlich schon längst wieder von dem Gedanken verabschiedet. Meine Intuition sagt mir viel eher, dass diese Idee auf mittlerweile nicht mehr nachvollziehbare Weise entstanden ist und in der Folge eine Eigendynamik entwickelt hat.

Wie in anderen Dingen, etwa der Rasterfahndung oder dem Grossen Lauschangriff erkenne ich die Handschrift des Prestigeprojekts und des technokratischen Denkens in den Ideen unserer Politiker.
Zunächst ein Exkurs. Als ich noch studiert habe, hat sich ein Professor für 2000 DM einen Flachbildschirm (15", damals [2001] üblicher Preis) mit Pivot-Funktion hingestellt. Hingestellt ist wörtlich zu nehmen, denn zunächst stand das Teil als Objekt auf seinem Schreibtisch. Damals pilgerte eine Gruppe des Instituts in sein Büro und bewunderte den Flachbildschirm. Der kurze Zeit später an einen PC mit Windows 98 gehängt wurde.
In der gleichen Abteilung wurde kurze Zeit später angeschafft:

  • DIN A3-Scanner (SCSI)
  • Digitalkamera (2.3 Megapixel, teuer)
  • Beamer
  • ein Laptop

Geklemmt wurde das ganze an eine eher schwächere Maschine. Es hatte auch niemand daran gedacht, Mittel für ein vernünftiges Bildprogramm aufzusparen Auf Beamer & Laptop präsentierte der Professor (korrigiere: liess präsentieren) Scans aus Büchern und Zeitschriften, die ein gruseliges Moiree zeigten, da niemand wusste, dass man bei Vierfarbdruck-Vorlagen entsprechende Korrekturmaßnahmen ergreifen musste. Es dauerte nicht lang, und die anderen Professoren stiegen in den Wettkampf ein. Die ohnehin knappen Mittel wurden in Prestigetechnik gesteckt, die weitgehend ungenutzt verstaubte, während es an den weniger prestigeträchtigen Fronten (Netzwerkkomponenten, Rechner für Mitarbeiter...) hinten und vorne fehlte. Die Dozenten waren nicht mal dazu in der Lage, ihre Skripte hochzuladen oder sich im Internet zu präsentieren.

Prestigeprojekte locken mit zwei Verheissungen: erstens natürlich dem Ruhm und der Vorstellung, es würde plötzlich alles anders, ein Problem löst sich von jetzt auf nachher. Viel wurde geschrieben über "eLearning", ohne dass sich je etwas bewegt hätte. Ich habe die hochtrabendsten Konzepte scheitern sehen, weil sie im Alltag schlicht nicht umgesetzt wurden.
Die Politiker handeln ähnlich. Man streicht auf der einen Seite Polizeistellen zusammen, drückt dann aber medienwirksam vor der Presse auf den Knopf, der vermeintlich die Antiterrordatenbank startet. Die Bahn streicht auch seit Jahren Nebenstrecken und lässt sich gleichzeitig mit den Franzosen auf Wettrennen um den schnellsten Zug ein. Ebenso plant man für das seit mehr als zehn Jahren köchelnde Stuttgart 21 Milliarden auszugeben, anstatt beispielsweise den Nahverkehr nach dem Karlsruher Vorbild auszubauen.

Den Granden haben in vielen Fällen den Kontakt zur Basis und der alltäglichen Kleinarbeit verloren. Denn Prestigeprojekte hin oder her, diese muss immer erledigt werden, und hat oft Verbesserungspotential. Meinerzeit erstellte jeder Dozent in jeder Abteilung für sich eine Übersicht seiner Vorlesungen und lieferte sie in den gruseligsten Formaten als Ausdruck bei einer zentralen Hilfskraft ab, die in Folge mit Papier und Kleber (!!!) eine Kopievorlage für das Vorlesungsverzeichnis erstellte, die danach vervielfältigt wurde (dementsprechend sah das Verzeichnis aus). Die Dozenten dazu zu zwingen, eine Vorlage auszufüllen und das ganze am Computer zu setzen und zu drucken hat vermutlich mehr bewirkt als eine verpuffende eLearning-Initiative. Es ist aber nichts, dass geeignet wäre, um sich damit feiern zu lassen.
Ebenso würden mehr Polizeikräfte bessere Aufklärungsraten versprechen und das Sicherheitsempfinden des Bürgers spürbar steigen lassen (der sich mehr über Vandalismus in der S-Bahn, Graffitti an der Hauswand und ein geklautes Fahrrad als über angebliche Terroristen ärgert). Aber dies sind kleine Schritte, die keine grossen, mit Pomp präsentierbaren Erfolge versprechen, und als solche nicht von weiterem Interesse.

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