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"Prinzip Bimmelbahn"

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Der Spiegel schreibt angesichts der TGV/ICE-Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich, dass hierzulande das "Prinzip Bimmelbahn" vorherrsche. Der Zug sei auf deutschem Gebiet zu langsam, unter anderem, weil der Ausbau fehlt und die Züge zu oft halten. Daher sei die Verbindung nicht genug konkurrenzfähig gegenüber dem Flugzeug. Gründe, warum dies zwangsläufig so ist, werden zwar ins Feld geführt, aber letzlich falsch beurteilt, wodurch ein Vorwurf gegen die Bahn und dem Bund im Raum stehen bleibt. Aber Frankreich und Deutschland sind eben sehr unterschiedlich.

1. Demographie und Verwaltung
Deutschland ist kleiner als Frankreich, hat aber mehr Einwohner. Diese sind zudem anders verteilt. Fährt man mit dem Auto von Stuttgart nach Paris, so fällt auf, dass neben Strassburg und Lyon keine nennenswerte Stadt mehr vorhanden ist. Die Strecke führt in weiten Teilen durch leer wirkende "Campagne", bis man schliesslich, wie bei einer Einfahrt ins Gebirge, die ersten Ausläufer der titanenhaften Haupstadt Paris erreicht. Die Paris-Zentrierung der Franzosen ist legendär; und an Paris führt fast kein Weg vorbei. Nach französischen Prinzipien müsste in Deutschland der Weg von Hamburg nach München über Berlin führen.
Der im Artikel angesprochene deutsche Föderalismus existiert in Frankreich nicht - auch politisch führt an Paris kein Weg vorbei. Es werden "Regionalfürsten" erwähnt, die hierzulande Halte an Orten wie Göttingen erzwingen. Die Franzosen hingegen kümmern sich um derle Befindlichkeiten nicht.
Nun geht es aber nicht nur um die Eitelkeit der "Regionalfürsten". Die Kommunen und Länder haben in Deutschland auch deshalb eine grössere Macht, weil hinter ihnen ja auch Bevölkerungsanteile stehen. Deutschland hat - mehr als Frankreich - städtische Grossräume, die noch dazu bestimmten Gebieten eine herausragende Rolle spielen. Man muss für sein berufliches Fortkommen nicht nach Berlin gehen, sondern geht, für beispielsweise Finanzen, nach Frankfurt und für Medien nach Köln und für Verlage nach Hamburg. Hält der TGV also in Karlsruhe, so hält er nicht nur in einer Kleinstadt, sondern in einer Region und Universitätsstadt von überregionaler Bedeutung. Es wäre an der Realität von Deutschland vorbeigeplant, Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Frankfurt, Hamburg, München und Berlin zu bauen und den Rest zu vergessen.

2. Das Flugzeug als Konkurrenz
Die Bahn sei also nicht konkurrenzfähig gegenüber dem Flugzeug. Eine Direktverbindung Stuttgart-Paris dauert als reine Flugzeit 1:20 h, also wesentlich schneller als der TGV. Allerdings ist da noch die Anfahrtszeit zum Flughafen unberücksichtigt. Unberücksichtigt ist ferner Check-In und die Zeit für die Sicherheitskontrollen. Ankunft ist auf Charles de Gaulle ausserhalb von Paris, und der Weg nach Paris - ich kenne ihn zur Genüge - führt über die gerade zur Rush Hour gefürchtete Peripherique. Was aber wichtiger ist: anders als im Zug ist die meiste Zeit des gesamten Weges zwangsläufig unproduktive Zeit: im Auto / S-Bahn zum/vom Flughafen, im Gate, am Check-In und während der Start- und Landephase. Von im Flugverkehr nicht seltenen Warteschleifen und Delays wollen wir nicht sprechen.
Die vier Stunden Zugfahrt sind hingegen durchgehend geeignet, um sich währenddessen mit Eclipse ein wenig zu vergnügen oder meinetwegen ein gutes Buch zu lesen.

Das Fazit ist, dass einerseits Frankreich und Deutschland nicht miteinander verglichen werden können und andererseits die Konkurrenz des Flugzeugs bei weitem nicht so übermächtig ist wie dargestellt. Es wäre inkompetent, das französische Schnellzugkonzept 1:1 auf Deutschland zu übertragen; viele Milliarden würden in Prestigeprojekte versenkt, die nur einem Teil der Bevölkerung zugute kämen und folglich nie tragfähig wären.

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