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Das Digitale Wasserimperium

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Eingeordnet in: Gesellschaft

Ein Wasserimperium ist eine staatliche Entität, die ihre Bürger durch Zuteilung von Wasser kontrolliert. Eine etwas seltsame Vorstellung, auf einen Stadtstaat in einer Wüstenoase angewendet jedoch vorstellbar: die Herrschenden besitzen die Wasserversorgung der Stadt und kontrollieren die Bürger mit Wasserrationen bzw. dem Entzug derselben. Ein Wasserimperium zu stürzen dürfte schwer fallen. Jede Rebellion kann durch die Kappung der Wasserversorgung bekämpft werden; danach bleibt den Rebellen wenig Zeit, den Brunnen für sich zu gewinnen, bevor die Hitze ihren Tribut fordert. Ich sehe nur vier Möglichkeiten, ein Wasserimperium zu stürzen:

  1. Ein von langer Hand geplanter Staatstreich, zu dessen Vorbereitung über einen längeren Zeitraum Wasser von der täglichen Zuteilung abgezweigt und gelagert wird. Eventuell kann die Regierung gestürzt werden, bevor die eigenen Vorräte ausgehen.
  2. Das Imperium fällt durch Invasion von aussen.
  3. Die Umweltbedingungen verändern sich, so daß Wasser kein knappes Gut mehr ist.
  4. Der Brunnen trocknet aus; das Imperium fällt, aber es dürfte auch fast jeder sterben.

Lösung 1 und 2 werden vermutlich nur zum Fall einer konkreten Regierung, nicht des Imperiums selber führen, da sowohl Rebellen als auch Invasoren vermutlich nicht der Versuchung widerstehen werden, selbst ein Wasserimperium zu führen. Selbst wenn sie den Brunnen für eine Zeit demokratisch verwalten, ist die Gefahr gross, daß das Wasserimperium eines Tages wieder neu entsteht - allein weil die Möglichkeit vorhanden und sicherlich verlockend ist.

Die weitere Abstraktion des Wasserimperiums ist das Ressourcenimperium: jene staatliche Entität, die ihre Bürger durch die Zuteilung einer beliebigen, wichtigen Ressource kontrolliert. In dem Schwarzenegger-Film Total Recall werden beispielsweise die Bürger der Marskolonie durch die Zuteilung von Atemluft kontrolliert. Als es zu einem Aufstand kommt, lässt die Verwaltung einfach den entsprechenden Bereich abriegeln und die Luftzufuhr abschalten. Ein weiteres Beispiel ist das Imperium des Gottkaisers Leto II. in Der Gottkaiser des Wüstenplaneten. Im Dune-Universum benötigt man eine Substanz namens Spice, um durch den interstellaren Raum zu reisen; Leto II. kontrolliert das Spice und mithin die interstellare, von der Raumfahrt abhängige Zivilisation.

Eine äußerst verlockende Ressource, die es zu kontrollieren gäbe, ist die Ressource Information, bzw. allgemeiner die Möglichkeit zur Informationsübertragung. Weitreichend. Gelingt es, diese Ressource für sich zu gewinnen, kann man ein Ressourcenimperium aufbauen, das wahrlich das Potential hat, der Menschheit für Jahrtausende Stabilität und Ordnung zu bringen.

Die Kontrolle einer Ressource ermöglicht effektiv die Sanktionierung von Bürgern. Sanktionierung ist aber nicht alles, da man auch wissen muss, wen man sanktionieren soll (Überwachung). Der Sanktionierung vorzuziehen ist allerdings die frühe Prävention, etwa durch eifriges Verbreiten von Propaganda. Hilfreich ist hier auch, wenn alle drei Maßnahmen nicht allzu offen zu Tage treten; die Ketten, die der Mensch nicht spürt, will er auch nicht abstreifen.

Die Kontrolle der Informationswege stellt diese drei Möglichkeiten in Aussicht. Um das digitale Ressourcenimperium auszubauen, ist es notwendig, die verschiedenen Übertragungswege zu vereinheitlichen. Ein Netzwerk soll an die Stelle verschiedener Kommunikationsmöglichkeiten treten; Telefon, Email, Radio und Fernsehen sollten nach Möglichkeit über eine Infrastruktur laufen. Zeitgleich muss versucht werden, diese Infrastruktur in jeden Bereich des Lebens vordringen zu lassen; zunächst als praktische Ergänzung, später als Notwendigkeit. Jedes elektronische Gerät, jede Maschine muss der Kontrolle des Netzes unterliegen. Als drittes muss dieses Netzwerk zentral zu kontrollieren sein; das feuchte Land muss solange ausgetrocknet werden, bis es nur noch einen einzigen Brunnen gibt.
Momentan ist das Netz noch frei - doch mit diesem gigantischen Süßwasserozean in der Nähe lässt sich kein Wasserimperium aufbauen. Viel zu einfach kann man daran teilnehmen. Diese Ressource muss versiegelt werden. Freie Daten müssen verschlüsselt werden, der gesamte Netzverkehr muss zu einem kryptischen Datenstrom werden, der erst für den Besitzer des richtigen Schlüssels Sinn ergibt. Wer dann die Kontrolle über die Vergabe von Schlüsseln hat, kontrolliert das Netz.

Ab diesem Zeitpunkt ist das letzte Glied der Kette geschmiedet und die Struktur des digitalen Ressourcenimperiums ist perfekt. Wenn die Information selbst verschlüsselt ist, kann das Imperium seine Bürger durch den Zugriff auf das Netz kontrollieren. Es kann sie auch überwachen, da es ja jederzeit nachvollziehen kann, wer was erstellt und abruft. Hier bieten sich Möglichkeiten zur abgestuften Sanktionierung: kleine Unruhestifter, die sich beispielsweise durch das Veröffentlichen von unliebsamen Informationen hervortun, sollten zunächst isoliert werden, in dem man, für den Unruhestifter selbst nicht nachvollziehbar, den Zugriff der Welt auf seine Daten einschränkt und nur noch für eine Gruppe von anderen Unruhestiftern zugänglich macht. Auf diese Weise hat man ihn gewissermaßen unter Quarantäne gestellt, ohne für grösseres Aufsehen zu sorgen.
Als drastischere Maßnahme könnte man sich die Vernetzung des Alltages zunutze machen; man könnte dem Objekt sämtliche Nutzungsrechte entziehen, ihn ganz aus den Datenbanken entfernen und ihn zu einer Existenz ausserhalb der allgemeinen Gesellschaft verurteilen. Dort kann er wenig Schaden anrichten. Als letzte Maßnahme kann man ihn immer noch töten lassen, und, da man Kontrolle über sämtliche Informationskanäle hat, jede Erwähnung dieses Vorfalls verschwinden lassen.

George Orwell zeichnete in 1984 das Bild einer Welt, in der die Partei allmächtig jede Information kontrollierte und Menschen ohne weiteres verschwinden lassen konnte - sie wurden "vaporisiert". Jedoch beschreibt Orwell eine primitive Welt ohne Computer, in der noch jede Information gedruckt verfügbar ist und mithin aufwendig eingezogen und neu erstellt werden muss, wenn die Partei festgehaltene Daten manipulieren möchte. Auch vor den Televisoren, den Überwachungskameras dieser Welt, müssen Menschen sitzen, die Überwachungsarbeit leisten. Dieser Apparat ist ungeheuer kostenintensiv und birgt das Risiko von Spaltungen und grassierender Korruption. Das digitale Imperium aber ermöglicht die Rationalisierung dieser Maßnahmen; es ermöglicht Überwachung, Sanktionierung und Manipulation auf einem für Orwell unahnbaren Perfektionsniveau bei zeitgleich weitaus geringerem Aufwand.

Mit TCPA und der Vernetzung des Alltags sind wir auf dem besten Wege, das Fundament dieses digitalen Ressourcenimperiums zu legen. Der Verschwörungstheoretiker mag dahinter das Werk einer sinistren Organisation sehen; ich persönlich glaube nicht einmal an eine Verschwörung, ich sehe nur, daß als Folge dieser Maßnahmen das Land ausgetrocknet wird, bis schliesslich ein Brunnen übrig bleibt. Und den wird eines Tages irgendjemand für sich beanspruchen und womöglich unangefochten über den Planeten herrschen; vermutlich nicht einmal offensichtlich.

Das digitale Imperium ist quasi der perfekte Staat. Obgleich ich die Erkenntnis erschreckend finde, kann ich mich der Perfektion und der Eleganz dieses Entwurfs nicht entziehen.
Wer weiss, vielleicht werde ja mal eines Tages ich mir selbst DEN EINEN RING an meinen Finger stecken...

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