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Die Tragödie der Ahornsamen

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Eingeordnet in: Natur, Weltsicht

Arg verspätet möchte ich noch auf die Tragödie der Ahornsamen eingehen, die sich Anfang des Jahres - vermutlich nicht nur dieses Jahres - abgespielt hat. Meiner Beobachtung nach gehörten die Ahornsamen zu den Samen, die mit als erste keimten. Im vergangenen Herbst waren sie gefallen und ruhten seither überall; auf der Erde, in der Erde, auf Wegen, in Gullys, kleinen Ritzen. Im Frühjahr bricht die Kapsel des Samens dann auf und bildet einen einzelnen Keimling. Wenn Zeit und Nährstoffe gegeben sind, entwickeln sich daraus zwei fleischige, längliche Keimblätter, aus deren Mitte schliesslich der Haupttrieb hervorwächst und bereits erkennbar die charakteristisch gezackten Ahornblätter bildet.
So war denn der noch nackte Boden durchsetzt mit Ahornkeimlingen (und anderen Keimlingen). Ein Tennisplatz war ein Meer von Keimlingen. Einen abseits gelegenen Weg konnte ich nur vorsichtig beschreiten, um nicht lauter niedliche Ahornkeimlinge zu zertreten.
Da ich aus Erfahrung wusste, dass die Welt nicht nur aus Ahornbäumen besteht, ahnte ich, was geschehen würde. Auf den ungeeigneten Flächen gingen die Samen natürlich ein. Auf dem Erdboden schossen wenig später kleinere, einjährige Pflanzen empor, die schneller wuchsen und den Keimlingen gnadenlos das Licht wegnahmen. Ich habe mich nicht genauer damit beschäftigt, jedoch ist anzunehmen, dass es nur sehr, sehr wenige Keimlinge schaffen, irgendwann einmal zu einem grossen Ahornbaum heranzuwachsen.

In der Auseinandersetzung des Menschen mit dem, was wir "Natur" nennen, wird oft gesagt, wir seien grenzenlos und gierig in unserem Wachstumswahn, wohingegen sich die Natur im Gleichgewicht halte. Das stimmt so nicht, wie man an der Tragödie der Ahornsamen sehr gut erkennen kann. Der Ahorn produziert tausende von Samen, und lässt sie vom Wind verteilen; er hat keine Hemmungen, keinen Rückhalt. Ginge es nach den Samen an sich, die Welt wäre ein Planet der Ahornbäume. Von den Tausenden Samen werden jedoch die meisten gefressen, sie erfrieren, verdorren, werden verdrängt. Die Welt besteht nur deshalb nicht aus einem riesigen Ahornwald, weil es unzählige Konkurrenten gibt, die eben einen Gras-, Löwenzahn-, Gänseblümchen-, und Sonstwasplaneten haben möchten.
Der Mensch ging aus diesem System hervor. Wie in jedem Lebewesen wohnt auch ihm der Drang inne, den Planeten zu seinem Planeten zu machen. Der grosse Unterschied ist jedoch, dass wir nicht mehr auf den evolutionären Ansatz der Natur angewiesen sind; der Ansatz, der viele Lösungen ausprobieren muss, in der Hoffnung, einige wenige mögen sich als erfolgreich erweisen. Der Mensch durchdenkt das Problem und findet so eine Lösung, testet und korrigiert sie. Vor die Aufgabe gestellt, Ahornbäume zum Wachsen zu bringen, suchen wir den richtigen Boden, die richtigen Lichtverhältnisse, jäten die Konkurrenten und giessen die Samen. So können wir hunderte von Bäumen wachsen lassen, vielmehr das Wachstum ermöglichen.
Auf unsere eigene Spezies angewendet, haben wir dank dieser Fähigkeiten den Planeten bis in den hintersten Winkel erobert. Wir haben aber auch unzählige andere Lebensformen schlichtweg ausgerottet, entweder absichtlich oder unabsichtlich. Wir sind deswegen aber nicht bösartig, weil wir im Grunde nur den Drang ausführen, der allen Lebewesen innewohnt; und da wir als einzige über die mächtigste Methode verfügen, diesen Drang umzusetzen, sind wir zwangsläufig die Herrscher des Planeten geworden.
Innezuhalten, sich selbst Grenzen zu setzen, liegt nicht in der Natur des Lebens.

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